Was kann und darf politische Rhetorik?
Freiburg-Berlin, März 2006
Wahlkampfzeiten in drei Bundesländern, am Sonntag, 26.03.2006 fällen die Wähler/innen ihre Entscheidung.
Neben Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sind auch im Ländle, in Baden-Württemberg, Landtagwahlen. Bei Wahlen tauschen Parteien und deren (ab)-wählbaren Spitzenakteure, und solche die es noch werden wollen, ihre Standpunkte und Meinungen öffentlich aus, komplizierte Zusammenhänge werden dabei manchmal mundgerecht vereinfacht und Argumente auf ein populistisch Maß gekürzt.
Eine Partei mit drei Buchstaben und einem "C" am Anfang teilt in Stuttgart gegenwärtig mit einem kleineren Koalitionspartner die Regierungsverantwortung. Die einen sind im Volksmund die Christdemokraten die anderen die Liberalen. Wenn Fachleute sich die Wirtschafts-, Sozial- und Entwicklungsdaten des Landes im Südwesten der Republik ansehen, scheinen sich die Dinge gut zu entwickeln, mit der höchsten Beschäftigungsrate und der geringsten Arbeitslosen-Quote von 7,2% für das gesamte südwestliche Bundesland und 6,9% für die Region Stuttgart stellt sich Baden-Württemberg am besten dar in der Deutschland-Arbeitslosenstatistik mit im Durchschnitt 12,2%.
Dessen ungeachtet plakatiert die Partei mit dem traditionell größten Stimmenanteil im Land im Südwesten, in dem man bekanntlich alles kann, außer hochdeutsch mit einem Plakat, das wohl originell sein soll: "Die Linken träumen ...
Die Liberalen schwätzen ... Wir handeln."
Im DUDEN steht das Wort/Verb schwätzen erklärt mit <sw. V.; hat> [spätmhd. swatzen, swetzen, zu mhd. swateren = rauschen, klappern, wohl lautm.; ... der Begriff Schwätzer mit der Erklärung: der; -s, - [spätmhd. swetzer] (abwertend): 1. jmd., der gern u. viel redet: der alte ... Übername zu mhd. swetzer >Schwätzer<. Ein Swätzzer ist a. 1370 in Esslingen bezeugt.
Zumindest der Begriffsstamm ist also 1370 erstmalig bezeugt in Esslingen und das liegt bekanntlich im heutigen Baden-Württemberg, somit können die rund 58.600 wahlberechtigten Einwohner von Esslingen am Neckar am Wahlsonntag, wenn es nach der CDU geht, zwischen Träumern, Schwätzern und Handelnden und anderen auswählen.
In einer anderen Region, die das heutige Bundesland Baden-Württemberg ausmacht, wurde am 31. Januar 1884 im nordwürttembergischen Städtchen Brackenheim Theodor Heuss geboren. Die liberale Integrationsfigur und das erste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik verstarb am 12. Dezember 1963 in der Landeshauptstadt in Stuttgarter Killesberg.
Die Lebensstationen des schwäbischen Freigeistes, des Schülers Friedrich Naumann´s, des Nationalökonoms, Journalisten und Publizisten, Politiker, Mitgestalters des Grundgesetzes, späteren Bundespräsidenten und Staatsmannes, wird der Leser aus der Geschichts-schreibung kennen. In der Nazi-Zeit unterhielt Heuss Kontakt zum deutschen Widerstand. Im Nachkriegs-Deutschland in Heidelberg war Theodor Heuss 1945 Mitherausgeber/Lizenzträger der Rhein-Neckar-Zeitung, die noch heute existiert; im selben Jahr wird es zum ersten Kult(u.s.)minister (für Kultur ohne U.S., wie Heuss selbst gern sagte) in Nord-Württemberg und Nord-Baden eingesetzt und bringt den Schulbetrieb wieder in Gang. Sein formuliertes Anliegen dabei war, "die Neugestaltung des Geschichtsbildes ist notwendig und sie darf in ihrem Gewicht nicht verkannt werden ... Die Freiheit als Aufgabe wieder zu zeigen. Viele müssen die Freiheit als seelischen Wert erst wieder begreifen und gewinnen lernen. Den Jungen ist er verweigert worden."
In Heppenheim/Bergstraße ist Theodor Heuss einer der Mitbegründer der Partei FDP und deren erster Vorsitzende. Im Parlamentarischen Rat, der zum 23. Mai 1948 das deutsche Grundgesetz vorlegte, wirkte Dr. Heuss maßgeblich mit. Elly Knapp, eine Lehrerin, die Theodor Heuss 1908 in Straßburg heiratete, wobei Albert Schweitzer sie traute, gab ihre eigene politische Karriere als Landtagsabgeordnete in Stuttgart auf, um ihren Mann zu unterstützen. Sie gründete als "deutsche Landesmutter" 1950 das Deutsche Müttergenesungswerk, seither ist die Frau des jeweils amtierenden Bundespräsidenten die Schirrmherrin dieser Institution.
Konrad Adenauer (CDU), der Vorsitzende des Parlamentarischen Rates, hob seinerzeit über das Mitwirken von Theodor Heuss bei den Beratungen für eine neue Verfassung der entstehenden Bundesrepublik Deutschland hervor, dass Heuss "das Problematische der Voraussetzungen dieser Arbeit mit am stärksten empfunden und zum Ausdruck ... (habe). Wenn er das Provisorische des Grundgesetztes durchaus anerkannte, sah er doch auf der anderen Seite den Auftrag zur Schaffung einer echten Staatlichkeit, und es war sein Anliegen, dem neu zu formenden Staat eine innere Würde zu geben." Theodor Heuss ist es dann, der am 20. September 1949 als erster deutscher Bundespräsident an Konrad Adenauer die Ernennungsurkunde zum ersten Bundeskanzler überreicht.
Auch Carlo Schmid (SPD) hob Theodor Heuss aus dem Gros der Mitglieder des Parlamentarischen Rates heraus: "... unter ihnen ist Theodor Heuss am stärksten hervor getreten, so stark, dass er dem Grundgesetz die Züge seines Wesens einzuprägen vermochte."
Der Liberale Theodor Heuss hat zu Lebzeiten in unserem Land die Demokratie als Lebensform mitentwickelt und vorgelebt, noch heute lebt sein liberaler Geist in unserem Staatsgebilde weiter, dieses Leitbild des Liberalismus strahlt über Parteigrenzen hinweg.
Mit dem Zitat von Theodor Heuss wünschen wir allen demokratischen Parteien eine rege Wahlbeteiligung und einen guten und freien Wahlverlauf: "Nun siegt mal schön".
von SLN

Theodor Heuss am 13. September 1958 als Bundespräsident bei einem Bundeswehrmanöver beim Brückenschlag über den Rhein bei Neuwied. Einweisung durch den Divisionskommandeur, General Zerbel. Nach dem Besuch sprach der im Volksmund genannte "Papa Heuss" die vielfach zitierten Worte: "Nun siegt mal schön!"
Hintergrundinformationen:
http://www.suedkurier.de/lokales/villingen/villingen/art2997,1958772.html?fCMS=bedb26456d0589878a2417085c68234d
http://www.theodor-heuss-museum.de/
http://www.stiftung-heuss-haus.de/
http://www.bundeswahlleiter.de/lwls.htm
http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/VolkswPreise/Landeskennzahlen.asp
http://www.stuttgart.ihk24.de/SIHK24/SIHK24/produktmarken/index.jsp?url=http%3A//www.stuttgart.ihk24.de/SIHK24/SIHK24/produktmarken/konjunktur/wirtschaftsstatistik/wiza.jsp
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