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Berlin, 19.06.2006 - In seiner Funktion als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) mahnt Jürgen Thumann politische Reformen an.
 "So langsam werden wir etwas ungeduldig angesichts der politischen Debatte in Deutschland, die bislang weitgehend folgenlos ist und angesichts einer Stagnation, die wir uns nicht leisten können. Deshalb appeliere ich nachdrücklich an die Politik, mutigere Wege zu gehen, um die Probleme unseres Landes zu lösen. Die gute konjunkturelle Entwicklung bietet Rückenwind für politische Reformen", so BDI-Präsident Jürgen R. Thumann im Vorfeld des Tages der deutschen Industrie.
BDI-Präsident Thumann zum Tag der Deutschen Industrie: "So langsam werden wir etwas ungeduldig angesichts der politischen Debatte in Deutschland, die bislang weitgehend folgenlos ist und angesichts einer Stagnation, die wir uns nicht leisten können." Dies erklärte BDI-Präsident Jürgen R. Thumann im Vorfeld des Tages der deutschen Industrie, der am 20.Juni in Berlin stattfindet. "Deshalb werde ich morgen nachdrücklich an die Politik appellieren, mutigere Wege zu gehen, um die Probleme unseres Landes zu lösen. Die gute konjunkturelle Entwicklung bietet Rückenwind für politische Reformen."
Konjunkturell stehe vor allem die Industrie im Moment sehr gut da. Die Industrieproduktion werde in diesem Jahr fast 4 Prozent wachsen. Deutschland sei erneut "Exportweltmeister" - auch wenn mit den Exporten zugleich die Importe zulegten. "Insbesondere global und international tätige Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht und sind inzwischen gut aufgestellt. Durch Verlagerung von Teilen der Produktion ins Ausland haben sie ihre Wettbewerbsfähigkeit gestärkt. Die Verlagerung wird von vielen kritisch gesehen, aber sie trägt eindeutig zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und zum Erhalt deutscher Arbeitsplätze bei", betonte Thumann.
"Das heißt allerdings nicht, dass die Bundesregierung sich jetzt beruhigt zurücklehnen kann. Im Gegenteil: Sie muss alles daran setzen, dass das, was jetzt noch an Produktion in Deutschland ist, auch hier zu halten und zudem möglichst viele neue Investoren an zu locken. Schließlich brauchen wir vor allem neue Arbeitsplätze "und zwar dauerhaft sichere und rentable Arbeitsplätze", unterstrich der BDI-Präsident.
Deshalb müssten die notwendigen Schritte zur Stärkung unseres Standortes nun politisch auch angepackt werden. Thumann: "Angesichts der Machtfülle der Großen Koalition frage ich mich: Worauf warten die Regierungspolitiker eigentlich?"
Und wenn reformiert werde, sei dies zum Teil absolut kontraproduktiv. Als Beispiel nannte Thumann das Gleichstellungsgesetz.
Zu den notwendigen Reformen gehört nach Ansicht Thumanns vor allem eine Unternehmenssteuerreform, die die Unternehmen entlastet. Zielmarke müsse es sein, die Ertragsteuerbelastung der Unternehmen zu senken - auf maximal 25 Prozent unter Einschluss eines Ersatzes der Gewerbesteuer. Kontraproduktiv seien hingegen die Pläne für weitere Belastungen der Unternehmen z.B. durch eine Verbreiterung der Basis bei der Gewerbesteuer. Besonders Familienunternehmen bräuchten dringend ein Signal durch die Erbschaftssteuerreform.
"Bei der Reform des Gesundheitssystems muss die Bundesregierung den Mut aufbringen, mehr Wettbewerb zuzulassen. Wir müssen die Ineffizienzen und die Kosten in den Griff bekommen. Ob der Gesundheitsfonds eine Lösung ist, muss sich erst noch zeigen. Vielleicht gelingt es, ihn klug zu konstruieren, so dass mehr Wettbewerb und mehr Eigenverantwortung im Gesundheitswesen ermöglicht werden, was wir für zwingend nötig halten. Wenn der Fonds nur eine neue Hülle für alte Ineffizienzen wird, garniert mit noch mehr Bürokratie, ist es sicher keine gute Lösung", erklärte Thumann. Zudem müssten die Gesundheitskosten von den Beschäftigungsverhältnissen entkoppelt werden.
Auch auf dem Arbeitsmarkt sei eine grundsätzliche Reform der Regeln nötig. "Das beste Rezept für mehr Arbeitsplätze bleibt eine stärkere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Dazu gehören ein moderner Kündigungsschutz und eine verbesserte Lohnfindung. Die Rahmenbedingungen für einen echten Niedriglohnsektor schreien nach Verbesserung. Nur dann haben auch Menschen, die schon lange einen Job suchen, oder Menschen mit geringer Ausbildung wieder eine Beschäftigungschance", so Thumann.
"Wir haben keine Rohstoffe. Um so wichtiger ist die Nutzung des vorhandenen Potenzials an "Human Ressources" - der Menschen, ihre Bildung, ihre Kreativität, Ideen und Innovationen. Die Entscheidung der Regierung, 3 Prozent des BIP in FuE zu investieren, ist richtig. Die Wirtschaft wird ihre 2 Prozent davon gerne beisteuern, wenn die Regierung eine klare Forschungsförderungsstrategie entwickelt und wenn die Rahmenbedingungen stimmen", erklärte Thumann. "Unser Land hat große Potenziale. Es gibt die Ideen, wie wir zurück an die Spitze kommen. Die Regierung muss dazu die nötigen Anstöße geben."
Die Deutsche Presse Agentur (dpa) Berlin berichtet am 19.06.2006: BDI beklagt Reformschwäche der Koalition Die Wirtschaft verliert die Geduld mit der großen Koalition. Der fehlende Mut von SPD und Union zu großen Reformen sei erschütternd, sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Jürgen Thumann. Es entstehe der Eindruck, der gemeinsame Nenner der Regierung sei eine Null. Bei der Gesundheitsreform werde nur über mehr Geld für das System geredet, statt für mehr Wettbewerb zu sorgen. Bei raschen Reformen hält der BDI auch 2007 ein Wirtschaftswachstum von etwa 2 Prozent für möglich.
Frankfurter Allgemeine FAZ.NET berichtet in der Glosse Wirtschaft am 19.06.2006 Kurskorrektur Ein Jürgen Thumann verliert so schnell nicht die Contenance. Auch wenn andere aus der Verbändelandschaft der Wirtschaft irritiert die Köpfe schüttelten, hörte man vom Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie kein kritisches Wort zur großen Koalition und schon gar nicht zu ihrer Kanzlerin, Angela Merkel. Stützen, stärken, stabilisieren lautete die Devise, die Thumann nach dem für die Industrie enttäuschenden Wahlausgang ausgegeben hatte. Wenn es schon keine Alternative zur großen Koalition gebe, dann müsse man die reformwilligen Kräfte eben beharrlich stärken und nicht durch fortgesetzte öffentlich oder hinter geschlossenen Türen geäußerte Kritik verschrecken. Diese Zeiten sind offensichtlich vorüber. Mit ungewöhnlich mahnenden Worten hat sich der BDI-Präsident zu Wort gemeldet, ohne dabei freilich in jene Rabulistik zu verfallen, die manchen seiner Vorgänger ausgezeichnet hat. Daß Thumann jetzt so deutlich ausspricht, was viele schon lang denken, mag mit dem Jahrestreffen der deutschen Managerelite an diesem Mittwoch in Berlin zusammenhängen. Da werden eine paar klare Worte zur eigenen Positionsbestimmung gerne vernommen. Indem Thumann die Regierung mahnt und die Kanzlerin und ihren Wirtschaftsminister ausdrücklich einbezieht, korrigiert er seinen Kurs - und läßt die Hoffnung auf echte Reformen sichtbar fahren. Text: F.A.Z., 20.06.2006, Nr. 140 / Seite 11
Hintergrundinformationen: http://www.bdi-online.de/ http://www.bdi-online.de/BDIONLINE_INEAASP/iFILE.dll/X3AF22853696D4F9794DE0CA02B22F31F/2F252102116711D5A9C0009027D62C80/DOC/PM%2062-06%20Thumann%20zum%20TdI-%20So%20langsam%20werden%20wir%20ungeduld.DOC
Lebenslauf von Jürgen Thumann
17. August 1941 in Schwelm/Westfalen geboren
1960 Abschluss der Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann
1960 Übernahme der Thumann Stahl-Service Center in Schwelm als persönlich haftender Gesellschafter und Ausbau des Familienunternehmens
1966 Eintritt in die Hille & Müller Gruppe, Düsseldorf, als Geschäftsführer und Gesellschafter (Kaltwalzwerk mit Oberflächenveredelung)
1975 Persönlich haftender Gesellschafter und Vorsitzender der Geschäftsführung der inzwischen international produzierenden Hille & Müller Gruppe
1978 Gründung der Heitkamp & Thumann KG, Düsseldorf, und Eintritt als persönlich haftender Gesellschafter der Holding
Die Heitkamp & Thumann KG ist eine Gruppe mittelständischer Unternehmen in der Metalle und Kunststoffe verarbeitenden Industrie mit ca. 2300 Mitarbeitern an 16 Standorten in Europa, Asien und Amerika.
seit 1991 - April 2005 Präsident des ab 2001 unter dem Namen WSM Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung e.V. auftretenden Verbandes bzw. der Vorgängerverbände.
1991 Mitglied im BDI-Präsidium
1998 Austritt aus der Heitkamp & Thumann KG als persönlich haftender Gesellschafter, seitdem Vorsitz im strategischen Lenkungsausschuss
2000 - 2005 Vorsitzender des BDI-Ausschusses für Wettbewerbsordnung
2001 - 2005 Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN)
ab Januar 2005 Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. (BDI)
Daneben ist Jürgen R. Thumann Vorsitzender und Mitglied bei einer Reihe von Aufsichtsräten und Beiräten und Kurator der Stiftung Liberales Netzwerk. Jürgen Thumann ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern. |