Die Stiftung Liberales Netzwerk hat ihren Sitz in 10117 Berlin-Mitte, Pariser Platz 6a / Ebertstraße 24 - direkt auf dem ehemaligen Mauerstreifen im einstigen Niemandsland.
Die Berliner Mauer trennte vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 West-Berlin vom Ostteil der Stadt. Das Bollwerk gegen die Menschlichkeit wäre am 13. August 2006 45 Jahre alt geworden, wenn nicht der Traum von Freiheit die Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus überwunden hätte.

302 Wachtürme mit Scheinwerfern, 259 Hunde-Anlagen und 20 Bunker für 155 Kilometer Berliner Grenze - die Berliner Mauer war ein gigantisches Bauwerk und existierte knapp 29 Jahre lang.
Ost-Berlin - das war nach dem 13. August 1961 die Hälfte einer Großstadt. Man musste mit ihr leben, mit dieser Mauer, und nirgendwo rieb sich der Osten so am Westen wie hier. West-Berlin - das war eine Insel, eine umzingelte Stadt, das waren nach dem 13. August 1961 480 eingemauerte Quadratkilometer. Die etwa 150 Straßen und Wege, die bis dato über die Zonen- und Sektorengrenze geführt haben, waren für rund zwei Millionen Menschen auf einmal versperrt: durch Mauern und Schlagbäume, durch Stacheldraht und Barrieren. Von den 80 Übergangsstellen blieben nur vier geöffnet.
Berlin, die Hauptstadt der DDR, für 1,2 Millionen Menschen Lebensraum - mit Grenzen. Die Stadt der Parteikarrieristen und Aufsteiger, aber auch der Aussteiger, Idealisten, Aufmüpfigen und Andersdenkenden. Allgegenwärtig die Staatsmacht, doch nirgendwo in der Deutschen Demokratischen Republik lebte man anonymer und freiheitlicher als in Berlin, der einzigen Großstadt der DDR. Ostberlin war das aufpolierte Schaufenster zum Westen. Ostberlin war der Treffpunkt der Republik, am Alexanderplatz unter der Weltzeituhr. Es war der Ort des Abschieds, am Bahnhof Friedrichstraße, wenn Freunde oder Verwandte aus dem Westen im Tränenpalast verschwanden, ungewiss, ob es ein Wiedersehen gibt. Für rund eine Million Menschen war Ostberlin ihr Berlin mit all seinen Nischen und kleinen Freiheiten jenseits von Blauhemd und Hammer und Zirkel im Menschenleben voller Widersprüche. Nirgendwo sonst in der DDR war der Osten westlicher als in Berlin.
Die Mauer war da seit diesem Sonntag, dem 13. August 1961 für West-Berliner, die Insulaner, wie sich die Einheimischen und Zugereisten trotzig nannten und der Freiheitsglocke hoffnungsvoll lauschten. West-Berlin - das war Ende seit der 60er Jahre eine attraktive Adresse für rebellische Geister; das war die Stadt der Wehrdienstverweigerer und die Stadt des politischen Widerstandes; das war die Stadt, in der sich wie nirgendwo sonst in der Republik die Zulagen und Steuerbefreiungen addierten und in der 500.000 Dachziegel und 16,9 Millionen Stück Seife als Blockade-Vorräte deponiert wurden.
In den Jahren 1989 und 1990 wurden die Deutschen und Berliner in Ost und West Zeugen und Handelnde einer historischen Entwicklung, die ihren glücklichen Ausgang ganz wesentlich dem Glauben und Festhalten der Menschen an Freiheit und liberalem Geist verdankt. Die fernen Hoffnungen, die sich seit der 1970er Jahre mit der Politik des Ausgleichs und der Versöhnung mit dem Osten verbunden haben, wurden überraschend schnell Wirklichkeit.
Hier Ernst Reuter auf dem Titelbild des US-amerikanischen Time Magazine vom 18.9.1950. Ernst Reuters kämpferische und vier Jahrzehnte voraus denkende Rede am 9. September 1948 vor dem Reichstag: "Lipschitz hat das Wort geprägt, das in uns allen einen lebendigen Widerhall gefunden hat; er hat gesagt: "Wir kommen wieder!" Wir kommen wieder in den Ostsektor Berlins, wir kommen auch wieder in die Ostzone Deutschlands! ... Heute ist der Tag, an dem nicht Diplomaten und Generale reden und verhandeln. Heute ist der Tag, wo das Volk von Berlin seine Stimme erhebt. Dieses Volk von Berlin ruft heute die ganze Welt. Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist.
Die mutmachende Rede des Präsidenten John F. Kennedy vor dem Rathaus Schöneberg am 26. Juni 1963 ist vielen noch heute in präsenter Erinnerung: "Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz, den ein Mensch sagen konnte, der: Ich bin ein Bürger Roms. Heute ist der stolzeste Satz, den jemand in der freien Welt sagen kann: Ich bin ein Berliner."
Ronald Reagans (12. Juni 1987) "... open this gate, ... tear down this wall" und auch Udo Lindenbergs Lied "Sonderzug nach Pankow" (1983) waren weitere Trend-anzeigende, chronologische Mosaiksteine, die die nach Freiheit dürstende DDR-Bevölkerung 1989 mit ihrem Eintreten für Bürgerrechte und liberale Werte mit Unterstützung der Kirchen im kollektiven Ausruf "Wir sind das Volk" bei den Leipziger und andernorts Montagsdemonstrationen zur deutschen Einheit 1990 vollendete.

Die staatliche Einheit war rasch vollzogen, die innere Einheit zu vollenden, dauert sehr viel länger. Kein anderer Ausspruch hat diese Aufgabe wohl so treffend beschrieben wie, dass jetzt zusammenwachsen muss, was zusammengehört, den der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin und Alt-Bundeskanzler Willy Brandt formulierte.
Nach der Wiedervereinigung ist unsere Gesellschaft bereichert, sie ist freier, gerechter, solidarischer und menschlicher geworden, sie ist versöhnt und vereint, die deutsche Bevölkerung lebt in Verantwortung mit Geschichtsbewusststein, sie meisterte beim Zusammenwachsen enorme soziale und wirtschaftliche Transformationsprozesse. Dabei sind das nationale Selbstbewusstsein und/oder der Patriotismus nun etwas anderes geworden als Überheblichkeit und Überschätzung des eigenen Wertes gegenüber anderen Völkern. Das neue gesamtdeutsche Selbstbewusstsein ruht in einem sicheren Urteil der eigenen Kraft, Leistung und Tugend - und auch in wissender Bescheidenheit für deren gelegentlichen Begrenztheiten. Es brauchte wieder 100.000er Deutscher auf den Straßen rund um das Brandenburger Tor anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft um sich und der Welt zu beweisen, 17 Jahre nach dem Fall der Mauer, im 16. Jahr der Wiedervereinigung, 51 Jahre nach dem Ende des Krieges und 45 Jahre nach dem Bau der Mauer ist Deutschland angekommen in einem erfreulich normal-ungezwungenen Verhältnis zu sich selbst, untereinander und zu seiner einst als Kriegsfolge geteilten Hauptstadt Berlin.
Übrigens, am Berliner Stiftungssitz des Liberalen Netzwerkes, wo im Niemandsland der Demarkationslinie im sowjetischen Sektor bis 1989 die DDR-Flagge mit Hammer und Zirkel und auf vielen Fahnenmasten jede Menge rote UdSSR-Flaggen mit gelbem Sowjetstern flatterten, weht nun nach dem Wind of Change die blau-weiße Fahne des Liberalen Netzwerkes.
von Dirk Hamel, SLN

Hintergrundinformationen: http://www.berlin.de/rubrik/hauptstadt/geschichte/ernstreuterrede.html http://www.landesarchiv-berlin.de/lab-neu/start.html http://usa.usembassy.de/etexts/ga5d-630626.htm |