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"Born in Germany - ..." Interview mit Wilfried Wassermann, Pfarrer der deutschen Gemeinde in New York

USA-New York – D-Berlin, 14. Dezember 2007 - Die Stiftung Liberales Netzwerk hat mit der Produktion des neuen Interviewformates
"Born in Germany -
Die verlorenen Gewinner
" begonnen. Erster Interviewpartner dieser Reihe ist Wilfried Wassermann, deutscher Pfarrer in New York.

Vollkaskomentalität in Deutschland

Viele Auswanderer oder Job-Globetrotter geben die "Enge" in Deutschland als Grund für ihren Schritt an, dem Land den Rücken zuzukehren. "Verregulierung", "Bürokratisierung", "Innovationsverweigerung", "Dienstleistungswüste" und "Vollkaskomentalität" sind die Stichworte, die in diesem Zusammenhang besonders häufig genannt wurden.

In sechs prägnanten Fragen werden Motivation und Erfahrung im Ausland erfolgreicher "Exil-Deutscher" erfragt und Hintergrundgespräche geführt. Zusätzlich wird ausführlich über die Gesprächspartner und ihre persönliche Geschichte berichtet.

"Herr Wassermann, warum leben und arbeiten Sie heute in den USA und nicht in Deutschland?

Ich habe mich im Jahre 2004 auf die von der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) ausgeschriebene Stelle des Pastors der deutschen St.-Pauls-Kirche in New York beworben. Nach der Vorstellung der drei Kandidaten, die in die engere Wahl kamen, wählte mich die Gemeindeversammlung am 28. September 2004 zu Ihrem neuen Pastor. Dienstantritt war am 8. Dezember 2004.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Deutschland denken (positiv/negativ)?

Von den USA aus betrachtet, ist Deutschland klein aber fein. Dort sind nicht nur die Häuser solide (was sie in den USA nicht sind), sondern die gesamte Infrastruktur ist wesentlich besser in Schuss. In Deutschland funktioniert einfach alles: Es gibt keine Stromausfälle, die Behörden sind klein und übersichtlich und man braucht für kleine bis mittlere Verträge nicht gleich einen Rechtsanwalt. Anderseits wirkt Deutschland von den USA aus sehr kleinlich: der Bewegungsspielraum ist viel kleiner, alles ist reglementiert und die Steuerlast ist erdrückend (In New York beträgt die Mehrwertsteuer z.B. 7,3%).

Welche gesellschafts-(politischen) Reformprozesse sollen in Deutschland vorrangig angegangen werden?

Weniger Staat - mehr Eigenverantwortung. Es ist für mich faszinierend zu sehen, wie in den USA, wo es überhaupt kein Kindergeld oder ähnliche Unterstützung für Familien wie in Deutschland gibt, die Menschen dennoch mehr Mut zu Familie und Kindern haben. Kinder haben hier Vorfahrt, während Deutschland eher kinderfeindlich ist. Überhaupt wirkt Deutschland von den USA aus viel stärker feudalistisch und von der Regierung gelenkt. In den USA wird einem das Geld nicht erst abgeknöpft, um es dann von Regierungsgnaden teilweise zurück zu kriegen. Andererseits fehlt hier natürlich das engmaschige soziale Netz, das in Deutschland vorhanden ist.

Was können wir in Deutschland von den USA und den Amerikanern lernen?

Mehr Freiheit für den Einzelnen und weniger Reglementierung. In den USA kann jeder fast jedem Beruf nachgehen. Wenn jemand will, kann er ohne Probleme einen Frisör-Salon eröffnen. Es gibt keine Hürden dafür. Ob es ein Erfolg wird, hängt allein von der Zufriedenheit der Kunden ab. Einsatz muss belohnt und nicht bestraft werden. Lohnnebenkosten sollten drastisch gesenkt werden - ohne eine gesetzliche Krankenversicherung aufzugeben, denn das ist der größte Schwachpunkt der USA.

Herr Wassermann, wofür steht Deutschland in den USA?

Qualität: Made in Germany ist immer noch ein Qualitätsmerkmal. German engineering ist eine Top-Auszeichnung. Politisch ist Deutschland eher nicht existent und spielt in den Augen der Amerikaner so gut wie keine Rolle. Aber das gilt für fast jedes andere Land.

Unter welchen Umständen können Sie sich eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen?

Ich habe einen Vertrag für sechs Jahre - danach geht es zurück nach Good Old Germany."

Geboren in Deutschland -
Leben und Arbeiten in New York City

Wilfried Wassermann (56) ist seit Dezember 2004 als deutscher Pfarrer in New York tätig. Er betreut dort die deutsche Evangelisch-Lutherische St.-Pauls-Kirche, die in Lower Manhattan liegt, ganz in der Nähe des Sitzes der Vereinten Nationen und des einstigen World Trade Centers, dem Ground Zero.

Entsandt ist Wilfried Wassermann von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die seit 1978 in Kooperation mit der Evangelical Lutheran Church in America (ELCA) die New Yorker St.-Pauls-Kirche und deren im Jahr 1841 von deutschen Einwanderern gegründete Gemeinde seelsorgerisch betreut und kirchlich-organisatorisch leitet. Seit 1841 bietet die St.-Pauls-Gemeinde ununterbrochen deutschsprachigen Gottesdienst in New York an. 1972 richtete die EKD zur Betreuung der "Expatriots" eine Pfarrstelle in New York ein. 1978 wurde diese Stelle mit der St.-Pauls-Kirche zusammen geführt. Das Angebot von St. Pauls, als einziger übrig gebliebener von zwanzig deutschen Gemeinden richtet sich seitdem an alle im Großraum New York lebenden Deutschen.

Geografie, Distanz und Dimension

In der 22. Straße zwischen 8. und 9. Avenue, unter der Anschrift 315 West 22nd Street, New York, NY 10011, United States of America (USA) Südsüdwest vom Central Park, fußläufig vom Madison Square Garden, nördlich von Greenwich Village und 10 Minuten vom Hudson River findet man die 1897 im neugotischen Stil erbaute St.-Pauls-Church. Die Kirche ist mitten im ruhigen Wohnviertel Chelsea gelegen, sie reiht sich beinahe unauffällig in die Häuserfront ein und ist mit fünf prachtvollen, bunten Kirchenfenstern, die das Kirchenjahr illustrieren, original von Münchner Hofkünstlern und mit 570 Sitzplätzen ausgestattet.

Trotz der cirka 6.200 Kilometer Entfernung gerät die St.-Pauls-Church in Deutschland nicht in Vergessenheit. Mercedes Benz, USA, ist einer der Sponsoren der Gemeindeaktivitäten, das deutsche Generalkonsulat in New York pflegt einen guten Kontakt und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) strahlte im März 2006 einen TV-Bericht über den Pfarrer in der deutschen Gemeinde in New York aus.

Eine einzigartige Hilfsaktion der Gemeindemitglieder der New Yorker evangelisch-lutherischen St.-Pauls-Kirche in den Jahren nach 1945 ist noch heute in Erinnerung. Für die Menschen in den Ruinen des Nachkriegsdeutschlands sammelten sie in den USA Geldspenden für Wiederaufbau-, Kleidungs- und Nahrungshilfe und organisierten Hilfslieferungen für deutsche Kinder. Allein über 10 Tonnen Milchpulver, 120.000 kg Kleidung und vieles mehr erreichten die notleidenden Landsleute. Ein im Kirchen-Archiv wieder gefundenes "Dank-Album" gibt ein halbes Jahrhundert danach Auskunft über das lebendige, engagierte von Nächstenliebe und Heimatverbundenheit geprägte deutsche Gemeindeleben in New York nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Der deutschen Bundespräsident Theodor Heuss besuchte in diesen Jahren auch die deutsche Gemeinde St. Pauls in New York.

Echte Basisdemokratie in New Yorks Kirchen

Es war ein großer Schritt, vom beschaulichen Gomaringen in die Weltstadt New York. Wilfried Wassermann zu dessen Vorbildern Dietrich Bonhoeffer, der auch einige Zeit in New York verbrachte, zählt, hatte seine kleine Gemeinde in Baden-Württemberg schließlich jahrelang betreut. "Für mich und meine Familie ist ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen", freut sich Wilfried Wassermann über den Umzug. Doch Neuland ist das Weggehen für ihn nicht; er ist im Libanon zur Schule gegangen, wurde in Beirut konfirmiert und verbrachte einen Teil seines Studiums im Nahen Osten. Noch einmal ins Ausland zu gehen war für den gebürtigen Ravensburger (Baden-Württemberg) ein festes Vorhaben. Als er und seine Frau Barbara (55), eine Erzieherin aus Stuttgart, dann die Stellenausschreibung in New York sahen, wussten sie gleich, dass sie genau so etwas machen wollten. Anders als in Deutschland haben in den USA auch die Gemeinde-Mitglieder ein Stimmrecht bei der Wahl eines neuen Pfarrers. So reiste Wilfried Wassermann schon im September 2004 nach New York und stellte sich der Gemeinde mit einer Predigt in einem Gottesdienst vor. Am darauf folgenden Sonntag stimmte die Gemeinde dann ab - und wählte ihn. "Echte Basisdemokratie", meint Wassermann dazu.

Ein Staat, der für die Kirche die Steuer einzieht, sei in den USA völlig undenkbar. "Es ist alles anders hier. Ein Stück weit freier", stellt Wassermann fest. Das hat Vor- und Nachteile. Um sich finanzieren zu können ist es so in den USA üblich, die Kirche zu vermieten, beispielsweise für Filmaufnahmen oder Hochzeiten. "Einige Paare kommen sogar aus Deutschland, um sich hier trauen zu lassen", erzählt Pfarrer Wassermann. Es gefällt ihm, dass durch weniger Reglementierung mehr Platz für Entscheidungsfreiheit bleibt. "Durch die Kirchenordnung ist in Deutschland vieles schon festgelegt. Da macht man sich keinerlei Gedanken mehr. Hier muss alles diskutiert und eruiert werden. Aber dadurch gibt es immer wieder Gelegenheiten zu entscheiden, was wirklich wichtig ist und was nicht."

Der Sonntag ist deutsch in St. Pauls

Als Pfarrer ist er für eine rund 270 Mitglieder starke hauptsächlich deutschstämmige Gemeinde verantwortlich. Neben den sonntäglichen Gottesdienst bietet die St. Paul´s German Lutheran Church, New York spezielle Kindergottesdienste, Konzerte und Konfirmationsunterricht an und organisiert einen Frauenverein. Der alljährliche mehrtägige kirchliche Ausflug der Konfirmanden-Generation in die Natur des Nordwestens von New York State, in die Catskill-Mountains im Hudson Valley wird in jugendlich-coolem deutsch-amerikanischen Sprachstil "Konficamp" genannt, angereist wird mit dem Gemeinde VW-Bus. Die vielfältigen anderen Aktivitäten wie Frauenfrühstück, Weißwurstessen, Bazar, Chorprobe und Büchermarkt sowie Krippenspiel, Christvesper, Abendmahl und Weihnachtsfeier bleiben wie das motorisierte Vehikel aber syntaktisch deutsch. Zusätzlich gibt Wilfried Wassermann Religionsunterricht an der Deutschen Schule New York (DSNY, http://www.dsny.org/). Jeden Donnerstag nimmt er sich in persönlichen Sprechstunden Zeit für die Gemeindemitglieder. Bei den großen Entfernungen geschieht Seelsorge häufig auch telefonisch oder über das Internet. "Die Gemeinde-Mitglieder erleben die Woche meist durch und durch US-amerikanisch. Doch der Sonntag ist deutsch für sie. So halten sie den Kontakt zur Heimat."

New York ist zur Heimat geworden

Die deutsche Gemeinde St. Pauls in New York war und ist wichtig für Deutsche in New York, damals wie heute vornehmlich für Auswanderer, für die Mitarbeiter deutscher Unternehmen, die der deutschen diplomatischen Vertretungen und anderer deutschen Institutionen in New York. Damit die St. Pauls-Kirche noch bekannter wird, rührt Wilfried Wassermann auch schon mal die Werbetrommel. So marschierte auch eine Gruppe der Gemeinde bei der traditionellen Steuben-Parade durch die Straßen Manhattans mit. Die Ehefrau von Winfried Wassermann und Mutter der gemeinsamen vier Kinder, Barbara, sagt im dritten Jahr ihres Lebensabschnitts in New York: "It‘s great to be in the USA - but I‘m also proud to be a German!"

Während der deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (51) sein neues Apple-Produkt iPhone erstmalig am 29. November 2007 auf einem langen Transatlantik-Flug nach Washington D.C. testen konnte, hat der Wahl-New-Yorker Wilfried Wassermann, bekennender "alter Apple-Fan", sein iPhone schon 5 Monate früher am 21. Juni lange nach deutsch-föderalem Ladenschluss um 22:30 Uhr Ortszeit in NYC erstanden.
New York scheint unserer Zeit voraus, auch wenn es von Deutschland aus 6 bzw. 7 Stunden zurück ist.

Auf die Frage, ob er sich denn wohl fühle, antwortet Wassermann ohne zu überlegen: "Ja sehr, die Stadt ist zu unserer Heimat geworden."

Vielen Dank lieber Wilfried Wassermann für dieses Interview, die Bilder und die Beantwortung der Fragen und für Ihre Zeit, die Sie unseren Lesern und uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben!

Karin Gehle, Dipl. Reg.-Wiss. | Presse- und Öffentlichkeitsarbeit;
Dirk Hamel | Chefredaktion, Stiftung Liberales Netzwerk

Hintergrundinformationen:
http://www.stpaulny.org/
http://www.ekd.de/ausland_oekumene/1127.html
http://www.germany.info/relaunch/info/missions/consulates/
newyork/newyork.html


Ehrengäste der New Yorker Steuben-Parade (links: der deutschstämmige Henry "Heinz Alfred" Kissinger, geboren 1923 im fränkischen Fürth, ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater des US-Präsidenten, 1969-73, und US-Außenminister, 1973-1977).


Kinder der deutschen Gemeinde im St.-Pauls-T-Shirt bei der Steuben-Parade.


Pastor Wilfried Wassermann bei der Gemeindearbeit.


Pastor Wilfried Wassermann beim Kindergottesdienst.


"Konficamp"-Abenteuer abseits von NYC.


Bischof Dr. Wolfgang Huber (Ratsvorsitzender, Evangelische Kiche in Deutschland, EKD) im September 2007 bei der Predigt in St.-Paul anlässlich eines EKD-Delegationsbesuchs in den USA.


Der Chor der Deutschen Schule New York (DSNY) und der St.-Pauls-Gemeinde beim ZDF-Fernseh-Gottesdienst.

(Bildquelle: St.-Pauls-Gemeinde und Pastor Wilfried Wassermann)

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