Kolumne von Joachim Fritz-Vannahme, Director, Programm Europas Zukunft der Bertelsmann Stiftung, erschienen auf "ZEIT - Online" am 25. März 2009
Globale Solidarität statt nationaler Egoismus, persönliche und politische Rechenschaft und Verantwortung statt vorsätzliche Laxheit und private Renditesucht: Wer sucht, der findet all das in den Botschaften, die das deutsche Staatsoberhaupt und der amerikanische Präsident zum selben Augenblick verkündeten. Horst Köhler in Berlin, Barack Obama in Washington sprachen diese Woche gewiss in heimische Mikrofone und Kameras, für die Bürger im eigenen Land. Und doch gilt beider Rede der ganzen Welt und nicht nur der eigenen Stadt: Urbi et orbi, hätte man ihr hochgestecktes Ziel kommentiert, wenn da der Papst gesprochen hätte- für die Stadt und den Erdkreis.
"Es ist viel gute Arbeit geleistet worden, noch mehr aber bleibt zu tun": Wenn solche Worte nicht Mut machen. Doch wer spricht da? "Der Norden lässt den Süden nicht im Stich": Ist das nun von Obama oder von Köhler? "Wir sind verpflichtet, jenen Ländern und Menschen die Hand zu reichen, die vor den größten Risiken stehen." Wer spricht? "Es geht um unsere Verantwortung für globale Solidarität." In Deutsch oder in Englisch formuliert?
Für alle Rätselfreund hier gleich die Auflösung: Obama - Köhler - Obama - Köhler lautet die richtige Reihenfolge der Zitierten. Das Spiel ließe sich mühelos weiter treiben, jedenfalls, wo es um den Willen zur internationalen Zusammenarbeit und zu neuer Gemeinsamkeit geht, oder gegen die Rücksichtslosigkeiten der Finanz- und Bankenwelt. Ja, selbst die Gedanken zu Anstand und gutem Benehmen verraten eine Wahlverwandtschaft der beiden so unterschiedlichen Präsidenten.
Eigentlich beruhigend, wenn der Zungenschlag angesichts von Krise und Kritik der Globalisierung so ähnlich klingt. Gleichwohl dürfen vor lauter begrüßenswerten Gemeinsamkeiten die Unterschiede nicht verschwiegen werden.
"Wir sollten uns nicht größer machen, als wir sind. Aber eben auch nicht kleiner": Das kann so kein amerikanischer Präsident gesagt haben, selbst der neue Mann im Weißen Haus nicht. Der Satz ist denn auch von Horst Köhler. Sein Land sei bereit, Führung zu übernehmen, erklärt Obama: Köhler als guter Deutscher und überzeugter Europäer spricht da lieber davon, seinem Land und der Europäischen Union komme "eine Führungsrolle zu". Will heißen, es gibt da mehr als einen, der führen soll. Köhler redet gerne zurückhaltend von Anstößen, die gegeben werden müssen. Obama kündigt kurz und energisch an: "Wir werden entschlossen handeln".
Der feine Unterschied gründet nicht allein im Naturell der beiden Politiker. Er speist sich auch aus der Quelle der jeweiligen Verfassung ihrer Nationen, die den amerikanischen Präsidenten als machtvollen Akteur, den deutschen hingegen als ersten Mann im Staate bestimmt, der mehr durch Einfluss denn durch Macht wirkt.
Ein Drittes kommt hinzu: Weil Köhler die Krise auch nutzen will "um der Einheit Europas ein neues Momentum zu geben"; weil er die deutschen wie die europäischen Politiker mahnt, "ihre Interessen im Internationalen Währungsfonds und in der Weltbank in einem Sitz zu bündeln", muss er die eigene Rolle und die seines Landes ein Stück weit zurücknehmen. Wo Köhler Deutschland eine Führungsrolle zuschreibt, denkt er in Kategorien der Pflicht und weniger der Macht, sieht er vor dem inneren Auge ein Kollektiv, die Europäische Union, und nicht eine von der Krise gebeutelte Nation wie die Vereinigten Staaten, die sich darum und dennoch souverän zur globalen Partnerschaft entscheidet. Obama spricht für sich und sein Land, Köhler für Deutschland und Europa. Das unterscheidet beider Rede um mehr als nur um eine Nuance.
Kleiner Epilog: Aller Unterschied bringt heute Köhler und Obama gleichwohl einander näher als den deutschen Präsidenten und den tschechischen. Köhlers Nachbar Vaclav Klaus hat mit List und Tücke in Prag dafür gesorgt, dass die Europäische Union jetzt um ein Problem reicher ist, weil Tschechien nach dem Sturz der dortigen Regierung, vom EU-Skeptiker Klaus gezielt betrieben, weder für sich selbst sorgen noch die EU-Ratspräsidentschaft weiterführen kann.
Wo Köhler und Obama die Gemeinsamkeit der Welt in einer Welt- und Wertekrise stärken wollen, sucht Klaus den europäischen Akteur zu schwächen. Der Tscheche träumt weiter vom schwachen Staat und starken Markt, von einem Europa der Freihändler und einer Welt für die Freibeuter des Kapitalismus. Er mag sich in diesem Moment ins Fäustchen lachen. Aber es klingt bereits wie das verhallende Lachen aus einer untergehenden Welt.
(Textquelle: Bertelsmann Stiftung.de)
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