12.09.2006, Kronberg im Taunus, Berlin - Der Publizist und Historiker Joachim Fest ist gestorben. Joachim Fest war Mitglied und Kurator der Stiftung Liberales Netzwerk, er starb gestern Abend im Alter von 79 Jahren in seinem Haus in Kronberg im Taunus. (08.12.1926-11.09.2006)
Seine journalistische Laufbahn begann beim Berliner Sender RIAS, ehe er 1961 zum Norddeutschen Rundfunk nach Hamburg wechselte. Seit 1963 war er dort Chefredakteur und Hauptabteilungsleiter für Zeitgeschehen. 1973 trat Fest als Leiter des Kulturteils in das Herausgebergremium der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) ein. Als Herausgeber, politischer Feuilletonist und konservativer Intellektueller bezog er 20 Jahre lang immer wieder Stellung. Mitte der Achtzigerjahre war Fest auch im "Historikerstreit" um die Bewertung der Nazi-Greueltaten engagiert, der im FAZ-Feuilleton seinen Ausgang nahm. Dem breiten Publikum wurde J. Fest vor allem durch seine 1973 erschienene Hitler-Biografie bekannt, für die er zahlreiche Preise erhielt. Im Mai wurde er mit dem Henri-Nannen-Preis 2006 für sein journalistisches Lebenswerk ausgezeichnet.
Die Ursachen und Folgen der Naziherrschaft, die Skepsis gegenüber Utopien und die Sorge um die Orientierungskrise der offenen Gesellschaft standen im Zentrum seiner Werke. In einem seiner zahlreichen Essays, der den Titel "Die schwierige Freiheit" trug und 1993 erschien, beschäftigte sich Fest mit den problematischen Wirkungen, die vom Ende der Utopie für die westlichen Demokratien ausgingen. Die Kernthese seines Textes lautet, dass der "große, gleichsam angeborene Mangel liberaler Gesellschaften" darin besteht, "dass sie keinen greifbaren, die Leiden und Ängste der Menschen rechtfertigenden Lebenssinn vermitteln".
Sein jüngstes Buch mit dem Titel "Ich nicht" erschien in diesem Monat. Darin schildert Fest seine Erinnerungen an die Kinder- und Jugendtage im Dritten Reich. (Foto: der junge Joachim Fest mit seinem Vater)
Bundespräsident Horst Köhler nannte Joachim Fest "einen Menschen, der als Journalist, als Historiker und als Herausgeber jahrzehntelang die geistige Kontur unseres Landes mitbestimmt" habe. In einem Beileidsbrief an Fests Witwe schrieb Köhler weiter, in seinen Büchern und Aufsätzen hätten sich christliches Ethos und Bürgertugend, tiefe Bildung und intellektuelle Redlichkeit, konservative Skepsis und weltbürgerliche Liberalität zu einem wahrhaft lebendigen Geist verbunden. "Wir haben wenige seinesgleichen. Umso mehr wird Joachim Fest uns fehlen", schloss der Bundespräsident.
Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat den verstorbenen Historiker Joachim Fest als einen der "geistreichsten und wortmächtigsten Vertreter" der deutschen Publizistik gewürdigt. Er sei ein Bildungsbürger im besten Sinne gewesen. Hessens Ministerpräsident Roland Koch nannte Fest eine "große intellektuelle Stimme".
Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki würdigte den Verstorbenen als großen Journalisten und vorzüglichen Stilisten. Reich-Ranicki sagte, Fest habe das kulturelle Leben in Deutschland viele Jahre lang auf wichtige Weise geprägt. Zudem hätten nur sehr wenige ein "so grandioses Deutsch wie er" geschrieben.
Am 8. Dezember wäre Joachim Clemens Fest 80 Jahre alt geworden. Er hinterlässt seine Frau Ingrid, mit der er seit 1959 verheiratet war, und die zwei erwachsenen Söhne Alexander und Nikolaus. (Foto: Joachim Fest mit seiner Ehefrau Ingrid am 12. Mai 2006 in Hamburg)
Das Liberale Netzwerk hatte in Joachim C. Fest ein Vorbild in seinen Reihen, einen großartigen Menschen und aufrechten Charakter, einen unabhängigen Denker und freien Geist, wir werden ihn sehr vermissen - unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei seiner Familie.
Hintergrundinformationen: http://www.faz.net/s/RubF7538E273FAA4006925CC36 BB8AFE338/Doc~EF8C56EF585384578B69051C443EEA BDA~ATpl~Ecommon~Sspezial.html
http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=967561
http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8 B60AE/Doc~E36F34E07E8464BB59FE675255D831671~ATpl~ Ecommon~Scontent.html
http://www.welt.de/data/2006/09/13/1033904.html
 (Foto: Joachim Fest, Rudolf Augstein, Marion Gräfin Dönhoff)
_________________________________________________________ 12. September 2006, SPIEGEL online / Kultur
ZUM TOD VON JOACHIM FEST
Der stolze Einzelgänger
Von Matthias Matussek
Joachim Fest ist tot. Der Hitler-Biograf und frühere "FAZ"-Herausgeber hinterlässt eines der imponierendsten Werke der deutschen Nachkriegs-Publizistik. Sein soeben erschienenes Erinnerungsbuch "Ich nicht" ist ein Meisterwerk - es erzählt die Geschichte einer unbeugsamen Familie.
Nun hat er den Kampf gegen die Krankheit doch verloren. Unter Aufbietung seiner letzten Kräfte hatte Joachim Fest seine Jugenderinnerungen "Ich nicht" abgeschlossen. Man hätte es ihm so sehr gegönnt, mit diesem Buch, diesem frühen Leben noch einmal in die Debatte zu ziehen, die jetzt, im Buchmessenherbst, anlässlich der Grass'schen Zwiebelhäutungen noch einmal um die deutsche Erinnerungskultur geführt wird. Keiner konnte streiten wie er.
Er war ein glänzender Erzähler. Seine Hitler-Biografie gehört zum stilistisch Besten deutscher Geschichtsschreibung. Immer wieder - bis hin zum Drehbuch für Eichingers Bunker-Film "Der Untergang" hat er sich mit dem Führungspersonal der Nazis beschäftigt.
Als er mir vor anderthalb Jahren, noch in London, bei einem gemeinsamen Abendessen von seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen erzählte, schien er Alltagsgeschichte nachreichen zu wollen, die Beschreibung der sogenannten kleinen Leute. Es lag überhaupt nichts Stolzes oder Hochfahrendes darin. Im Gegenteil. "Es war keine besondere Kindheit", sagte er ganz beiläufig. "Nichts Spektakuläres. Außer dass mein Vater mich und meine Geschwister davor bewahrt hatte, Nazis zu werden."
Sich gerade machen Doch genau das war das Außerordentliche. Immer wieder berichtete er mir - bisweilen euphorisch - vom Fortgang der Arbeit, doch dann zwang ihn seine schwächer werdende Konstitution zu schmerzvollen Pausen. Nun weiß man, dass die Arbeit an diesem Buch die Arbeit an seinem Testament bedeutete. Das wollte er den Deutschen noch hinterlassen: die Erzählung darüber, dass es möglich war, anständig zu bleiben. Und dass eine gute Erziehung - eine bürgerliche, katholische, preußische - dabei wesentlich war.
Dem SPIEGEL schickte er den ersten Fahnensatz, und so war es möglich, auf dem Höhepunkt des durchaus auch stupiden Grass-Lärms diese leisere, ungleich wichtigere Stimme hörbar zu machen.
Heute kann Fests Buch als Gegenentwurf zu den koketten Grass'schen Waffen-SS-Enthüllungen und vergleichbaren Elaboraten gelten. Wenn Günter Grass, der derzeit Pfeife stopfend und schmauchend über die Theaterbühnen des Landes zieht, sagt: Ich war dabei, Kumpel, jeder war dabei, selbst der Papst irgendwie, so sagte Fest: Ich aber nicht.
Dass den Wirbel bisher Grass macht, das spricht Bände über die Aufmerksamkeits-Ökonomie und die moralische Verfasstheit der Öffentlichkeit. Man schätzt das Krumme, nicht das Gerade, denn das Gerade enthält immer einen stillen Vorwurf.
Zwischen den Stühlen Gerade die Polarität zu Günter Grass lohnt die nähere Betrachtung. Anders als der Nobelpreisträger, der sich im Pulk des linken Mainstream stets wohlfühlte, war Joachim Fest der große Einzelgänger. Auf seine Umgebung wirkte er bisweilen ein wenig hochmütig. Er war der konservative Analytiker. Doch er war immer auch derjenige, der sich bedenkenlos zwischen alle Stühle setzte, wenn es seine Überzeugung erforderte.
Das konnte durchaus auch ein früher Grass-Kommentar sein, der Politikern oder Rundfunkgewaltigen nicht passte, für den er sich aber einsetzte. Das konnte aber auch ein Essay von Ernst Nolte sein, der den Historikerstreit auslöste. Fest hielt Noltes Thesen nicht für richtig, doch er verteidigte sein Recht sie auszudrücken. Das ist die angelsächsische Tradition, gegen die der Mief der politisch-korrekten Meute in Deutschland noch eine Ecke gespenstischer wirkt.
Fest war in den sechziger Jahren NDR-Chefredakteur, danach 20 Jahre "FAZ"-Herausgeber. Er stritt ausdauernd mit Ulrike Meinhof, er begleitete Hannah Arendt, Sebastian Haffner und viele andere über die er in seinem Buch "Begegnungen" wundervoll zu erzählen wusste. Fest war immer ein anderes, ein nicht auszurechnendes Kaliber. Ein größeres als die meisten seiner Feinde.
Bekannt wurde er mit seiner brillanten Hitler-Biografie. Er leistete Hebammen-Dienste für die Lebenserinnerungen Albert Speers, dem er ganz sicher auf den Leim ging - aufgetauchte Dokumente bewiesen, dass Speer nicht so ahnungslos war, wie er Fest weiszumachen verstanden hatte. Fest korrigierte seinen Irrtum - zu spät. Sein Leben lang verfolgte ihn daher der Verdacht, zu sehr mit Nazi-Bonzen sympathisiert zu haben.
Im Rückblick, und ganz besonders im Lichte seiner Jugenderinnerungen, lässt sich sagen: Der stets umstrittene Joachim Fest war die Gestalt gewordene Geradlinigkeit, während der lärmende Günter Grass, das penetrante Gewissen der Nation, in Wahrheit der Krumme war, der über dramatische Konversionen und hässliche Geständnisse keinen Atemzug verlor, um weiterhin alle zu belehren und jeden anderen zu bepöbeln, der im Verdacht stand, konservativ zu sein oder gar bürgerlich.
Andenken an den Vater Fests Jugenderinnerungen erzählen von einer Kindheit in Berlin und von einem Vater, der 1933 aus dem Schuldienst flog, weil er regimefeindliche Bemerkungen gemacht hatte. Es war eine Kindheit, in der Literatur und Theater so wichtig waren wie Fußball. Eine Kindheit, in der es vorkam, dass der Vater mit einem blutverschmierten Kopfverband in die Küche stürzte, wenn es wieder einmal eine Schlägerei mit dem braunen Mob gegeben hatte. Eine Kindheit, in der die Besorgungen für den Nachbarn Goldschmidt eine Selbstverständlichkeit waren.
Ja, dieses Buch ist ein einziges großes Andenken an den Vater, den man sich als Helden vorstellen darf. Er ließ sich durch nichts zu Kompromissen mit dem Verbrecherregime bewegen. Eines Abends belauschten die Kinder einen Streit mit der Mutter. Diese bestürmt ihren Mann, endlich in die Partei einzutreten, da er dann endlich wieder Arbeit hätte. Die Lüge sei doch schließlich das einzige Mittel der kleinen Leute im Kampf gegen die Mächtigen. Da antwortete Vater Fest mit dem großartigen, dem stolzen Satz: "Wir sind keine kleinen Leute, nicht in diesen Fragen."
Fests Erinnerungen sind auch stilistisch das Gegenstück zu denen von Grass. Fest kommt schnörkellos zur Sache, Grass weicht orientalisch aus. Fest erinnert und erzählt eindringlich, oft von gestochener Klarheit. Grass dagegen bricht ab, verplempert seine und des Lesers Zeit mit Ausführungen über das Erzählen als solches oder mit verquasten Ausführungen zur "Schummelei", die doch die "kleine Schwester der Lüge" sei, und so weiter und so fort. Er erzählt wie einer der noch vieles verschweigt - während Fest immer schreibt wie einer der im politischen Sinne nichts zu verbergen hat. Wie wohltuend ein solches Buch für uns Nachgeborene!
Durchsage also an den Betrieb, an die Buchhändler, an die Leser: Sobald sie damit fertig geworden sind, den Grass-SS-Juckreiz zu kratzen - das wichtigere, das wahrhaft große Buch dieses Herbstes ist das von Joachim Fest.
Und nun bietet die Lektüre zusätzlich Gelegenheit, sich zu verneigen und eines der größten Publizisten der deutschen Nachkriegsgeschichte zu gedenken. Eines stolzen Einzelgängers, der sehr vermisst wird.
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,436550,00.html |