Nie war Energie teurer als heute: 1,20 Euro für den Liter Benzin. Alle vier gro-ßen Energieversorger haben inzwischen deutlich höhere Strompreise angekündigt. Die Bürger sind sauer, Verbraucherschützer toben, Politiker klagen die Wirtschaft an, die Stromkonzerne halten sich bedeckt: Die Energie in Deutschland steht ganz schön unter Strom. Deutlich wie nie laufen die hartzgebeutelten Deutschen sogar Sturm gegen die Ökosteuer: 74 Prozent wollen, dass angesichts der hohen Energiepreise die Ökosteuer verringert wird. Auch weil inzwischen 49 Prozent meinen, dass der vereinbarte Atomausstieg vornehmlich eine ideologisch – politische Entscheidung gewesen sei. Nur für 45 Prozent folgt der Ausstieg sachlichen Argumenten.
Obwohl auch heute noch der größte Teil unseres Stroms - 29 Prozent - aus der Kernenergie stammt und nur knappe 15 Prozent auf die erneuerbaren Arten ent-fallen, sind die Energiekosten in Deutschland zu einem Standortnachteil gewor-den. Preise von ca. 40 Prozent über dem EU–Durchschnitt haben plötzlich einen in Deutschland nicht mehr für möglich gehaltenen Meinungswandel bewirkt: Im Schatten von Verspargelung und Garantieabnahmen sind nicht mehr nur Bio, Wind, Wasser, Sonne und Erdwärme gefragt. Die Deutschen wiederentdecken ihre Liebe zur Kernenergie: Hielten es 2001 noch 71 Prozent für richtig, die Kernkraftwerke wie vereinbart innerhalb der nächsten 20 Jahre abzuschalten, so vertreten heute nur noch 52 Prozent diese Meinung. Zum ersten Male fände es eine Mehrheit von 49 Prozent richtig, würde der Ausstiegsentscheid wieder rückgängig gemacht. Nur noch 45 Prozent sind für den definitiven Ausstieg.
Seit dem Wahlsieg von RotGrün 1998 verdoppelte sich zwar der Ökostromanteil, leider zu einem für viele nicht mehr tragbaren Preis. So dass die Deutschen zum ersten Male wieder mehrheitlich der Bundesregierung empfehlen, den Energiebedarf der Zukunft durch einen Mix incl. der Kernenergie zu sichern. 52 Prozent wollen auf einen integrierten Kernenergieanteil nicht verzichten, nur noch 47 Prozent wünschen sich einen Energiemix ohne Atomanteil. Vor einem Jahr wollte die Mehrheit noch einen Mix ohne Kernenergie.
Zu deren Renaissance hat einerseits die Tatsache beigetragen, dass angesichts der Naturkatastrophen 92 Prozent dem Klimaschutz heute eine höhere Bedeutung als früher beimessen. Noch stärker allerdings verändert der hohe Preis die Einstellungen, der vor allem durch Festpreise und Abnahmegarantien in die Höhe geschnellt ist. Der Geist des Aufbruchs scheitert allzu häufig an den real exis-tierenden Kosten.
Nie zuvor war ein Meinungswandel unter den Deutschen so nachhaltig und so konstant wie die Gegnerschaft der Deutschen zur Atomenergie unmittelbar nach Tschernobyl. Ab 1986 war konstant nur jeder Sechste ein eindeutiger Befürwor-ter der Kernkraft. Heute, 18 Jahren später, scheint hat sich offenbar ein Mei-nungswandel vollzogen: Mit 33 Prozent sind inzwischen doppelt so viele klare Anhänger der Kernenergie. Sollte eine Ausweitung den Strompreis zumindest konstant halten, würden heute sogar 61 Prozent einer stärkeren Nutzung zustim-men. Wie bei der Bionahrung gilt auch für den Ökostrom: Maximal 10 Prozent darf die Wunschherkunft teurer sein. Danach schlägt der Preis das eigentlich Er-wünschte.
Das alte Muster: Kohle und Öl sind billig aber umweltschädlich, Wind, Wasser, Sonne sauber aber teuer, über Kernenergie wird nicht geredet, gilt so nicht mehr. Die Deutschen erkennen, dass Ökologie pur genauso verkehrt ist wie Ökonomie pur. Und sind plötzlich wieder offen für eine neue, die Kosten stärker ins Kalkül stellende Energiedebatte. Immerhin erwarten 42 Prozent der Deutschen geringere Energiekosten, sollte der Kernanteil wieder wachsen. Je mehr sich die Bürger angesichts der gestiegenen Kosten wieder an die Kernkraft erinnern, desto eher könnte die Regierungsvereinbarung über den Ausstieg aus der Atomenergie zur Makulatur werden. 2006 ist nicht mehr allzu weit.
Klaus-Peter Schöppner
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