In Anlehnung an Karl Valentin, der einmal formulierte: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit", stelle ich seinen Seufzer, für uns etwas verändert, den nun folgenden Gedanken voran:
Liberal sein ist schön, macht aber viel Arbeit.
Vor drei Wochen kam eine kleine Gruppe von neugierigen Netzwerkern zu einem dreitägigen Arbeitstreffen zusammen – erdacht und organisiert von Peter Traub. In dieser kleinen Gruppe von ca. 7 Personen hatten wir große Freude am Gespräch und am gemeinsamen Denken – es war eine sehr inspirierende und verbindende Erfahrung. Doch es gab auch Irritation: Manche wünschten sich wohl, der andere möge sich kürzer fassen, er möge zum Thema sprechen, er solle nicht bewerten, kurzum: Mancher hätte den Gesprächspartner gerne gelegentlich ein bisschen anders.
Diese Erfahrung führte zu etwas, das in unserer Gesellschaft in gravierendem Ausmaß feststellbar ist: endlose Debatten, frustrierte, verbissen in Konflikten blockierte Menschen; oftmals solche Menschen, die sich tatkräftig engagieren, die dringende Aufgaben in Gemeinschaft jedoch nicht lösen können und frustriert in die innere Emigration gehen, den Rückzug antreten. Der Blick auf die Verhältnisse in Staat und Gesellschaft fördert einen schwierigen Befund zu Tage: Die drängenden Aufgaben der Gesellschaft in Deutschland sind seit mindestens 10 Jahren offene Baustellen ohne Fortschritt. Gleichzeitig empfinden immer weniger Bürger Lust und Möglichkeiten, sich an diesen politischen Aufgaben trotz hoher eigener Betroffenheit zu beteiligen, und sei es nur durch Nachdenken. Teilhabe der Bürger an der Demokratie, am Staat funktioniert nicht mehr.
Mann kann diesen andauernden Zustand als Krise oder auch als Normalzustand verstehen – feststeht, dass die Freiheitsgrade des Bürgers in der sozialen Marktwirtschaft heute signifikant abgenommen haben – so empfinden es jedenfalls die Bürger; und wenn es so etwas wie ein Klima, ein kollektives Bewusstsein in Institutionen gibt, dann geht das wohl in die gleiche Richtung.
Die Hauptursache für die Unfähigkeit des heute vorhandenen Systems, die wichtigen Aufgaben der Zeit in Verantwortung für die Gesellschaft zu bewältigen, scheint der Vertrauensverlust zu sein, der sich wie Raureif über das Land gelegt hat. Ursache für den gesellschaftlichen Vertrauensverlust, der sich nicht nur in der Politik, sondern auch in Unternehmen und sonstigen Institutionen ausgebreitet hat, sind leere Versprechungen, Desinteresse an den Folgen für andere, ein ungenauer Umgang mit Sprache (die ihrerseits immer aus einem inneren Vorgang entsteht und auf unpräzisem Denken beruht), aggressive und herabsetzende Umgangsformen, auch Lügen, Bruch von Vereinbarungen und Verträgen. Die Menschen können nicht mehr einschätzen, welches die Motive des Handelns der Personen sind, die in einer wie auch immer gearteten Beziehung zu ihnen stehen. Diese geschilderten Ursachen für den Verlust an Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind nicht das Ergebnis existenzieller materieller Not. Nach dem 2. Weltkrieg ging es um den Wiederaufbau des in vielen Teilen zerstörten Landes – ein Hardware-Problem; heute gibt es eher ein Software-Defizit in Qualitäten und Werten. Den Deutschen geht es vordergründig nicht wirklich schlecht. Hingegen engen verlorene Glaubwürdigkeit und geschwundene Verlässlichkeit, Versprochenes und Benötigtes zu bekommen, das Leben ein. Werte also auf dem Rückzug?
Diese Umstände rufen geradezu danach, eine Vereinigung zu organisieren, die verlorenes Vertauen in der Gesellschaft zurückgewinnt, die Bürgerengagement fördert, Orientierungsangebote vermittelt und die eine Entwicklung zu mehr Qualität trägt, die einem grundsätzlichen Bedürfnis der Menschen entspricht: ein menschenwürdiges Leben zu führen ohne vermeidbare existenzielle Zukunftssorgen und Angst.
Hier ist es nun, das liberale Netzwerk mit der Chance, in diesem Land eine Entwicklung zur Bürgergesellschaft in Gang zu setzen, die den Menschen helfen könnte, etwas wiederzufinden, was sie in ihrer Mehrheit vermutlich wollen: ein vertauensvolles Leben in Freiheit.
Das liberale Netzwerk hat sich dafür eine optimale Gestalt gegeben, den aus der Natur stammenden Bauplan des Netzes mit Knotenpunkten – nach Meinung wichtiger Zukunftsforscher die Organisationsform der Zukunft.
Allerdings ist die Organisationsform nur die äußere Struktur. Das, was in den Adern dieses Netzwerks, des liberalen Netzwerks, fließt, sind seine Grundwerte und Grundideen. Diese haben die Gründer, die Pioniere dieses Netzwerkes eingebracht und sie werden praktiziert – ausgesprochene und unausgesprochene Auffassungen darüber, was Sinn und Zweck dieser Organisation sein soll.
Ich erwähnte vorhin das gelegentliche Unbehagen, das wir in unserer Gruppe weniger über die Inhalte, sondern eher über die Art und Weise empfanden, wie wir miteinander gedacht und gesprochen haben. Wir fragten uns, wie wir Vielfalt ordnen und in Ziele und Wege einbringen könnten. Am Ende war man sich darüber einig, dass es nicht nur ein interessanter, sondern auch ein für die Weiterentwicklung des liberalen Netzwerkes wichtiger Prozess sein würde, genau herauszufinden, was man miteinander unternehmen möchte und wie man es tun könnte.
Menschen, die in der Geschichte Wichtiges erdacht und verändert haben, taten dies wohl immer aus einer inneren Ordnung heraus, die ihnen zu Klarheit und Kraft verhalf. Diese Menschen besaßen leitende Ideen und Ziele, denen sie folgten, und sie verfügten ebenso über die Instrumente und Techniken, diese Ideen zu realisieren.
Über diese Ordnung hinaus ist es hilfreich, um wirksam arbeiten zu können, dass Ziel und Weg unterschieden wird: unangemessene Wege zu beschreiten, um zu einem richtigern Ziel zu gelangen, ist genauso wenig erfolgreich, wie engagierte und gut gemeinte Wege oder Methoden zu einem falschen oder unklaren Ziel zu wählen.
Also meinten wir, es wäre eine wichtige Aufgabe für das liberale Netzwerk, aus dem reichen Fundus der Geschichte liberaler Ideen zu schöpfen und auf die heutigen Verhältnisse bezogen Leitbilder und Ziele zu entwickeln, die für die Bürger in Deutschland attraktiv sind und mit denen sie sich identifizieren könnten.
Die Geschichte ist reich an Denkern, die Ideen formuliert haben, wie Menschen miteinander leben und wie sie miteinander umgehen könnten. Gerade zum Thema Liberalismus und zum liberalen Menschenbild gibt es ergiebige und sehr spannenden Quellen.
In der gegenwärtigen – zwar pluralistischen -, aber orientierungslosen und vielleicht an Werten verkümmerten Gesellschaft scheint es daher um so wichtiger, sich darüber zu verständigen, was der Grundbestand an Werten ist, der als konstitutiv und existentiell im Sinne der Freiheitsrechte anzusehen wäre. Liberale haben es da nicht leicht; ihre Freiheitsvorstellungen werden immer wider missverstanden und mit dem heute eher negativ besetzten Begriff des Neoliberalen abgewertet und in Zweifel gezogen. ( Wer dies ebenso profiliert wie polemisch tut, ist z. B. Dorothee Sölle.) Es scheint mir vor diesem Hintergrund eminent wichtig, dass Liberale ihre geistige Grundlage kennen, von der aus sie überzeugend argumentieren und handeln können.
Dies allein schon kann dazu führen, das notwendige Vertrauen geschenkt zu bekommen. Das liberale Netzwerk könnte mit seiner Identität, das, was es ist und wofür es steht, in einer politisch diffusen Gegenwart einem in die Zukunft weisenden Angebot Ausdruck verleihen. Sowohl für Netzwerker, wie für die Menschen in der Gesellschaft entstehen neue Orientierungskoordinaten, die wieder zu der verlorengegangenen Entscheidungsfähigkeit führen könnten.
Die Netzwerker aus dieser besagten Gruppe würden sich gerne einen "Pfadfinderhut" aufsetzen und bieten an, sich dafür zu engagieren, einen Prozess in Gang zu setzen, der diese leitenden Werte erarbeitet und daraus ein Zielbild entwickelt. Dafür sind weitere Menschen nötig und willkommen.
In diesem Gesellschaftszielbild, von dem ich eben sprach, könnte z. B. eine Dimension sein, eine zunehmende Politisierung der Bevölkerung als Funktionsvoraussetzung der Demokratie, der Herrschaft und Beteiligung des Volkes anzustreben. Daraus folgte dann der nächste Schritt, die Wege, Methoden und Instrumente zu finden, mit denen das zuvor entwickelte Zielbild erreicht werden kann. Das liberale Netzwerk kann seine heutige Identität, die sicher noch am Beginn ihrer Entwicklung steht, durch Benennung der Werte und das darin verwurzelte Handeln identifizierbar machen. Solche Werte, Gesinnungen prägen die Menschen des liberalen Netzwerkes darin, wie sie denken, wie sie arbeiten, wie sie sprechen und was für sie typisch ist.
Zu einer starken Identität verhelfen möglichst klare und eindeutige Zielbilder, Zielvorstellungen von der Gesellschaft, in der die Menschen leben wollen. Diese Identität wirkt wie ein positiv besetztes Markenzeichen.
Beispielhaft und unvollendet könnten solche identitätsstiftenden Werte sein:
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erkennbare Verantwortungsbereitschaft
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intellektuelle Redlichkeit
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Bereitschaft, immer wieder Instrumente und Wege auf ihre Tauglichkeit zur Realisierung zu überprüfen
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dem liberalen Bürgerideal zu dienen;
auch das Bemühen, andere nicht herabzusetzen, zu diffamieren oder unwürdig zu behandeln; Menschenwürde zu schützen, totalitäre Macht zu verhindern. Dies und weiteres könnten leitende Einstellungen und Werte sein. Auch das ist vielleicht eine liberale Tugend: anzuerkennen, was wichtig ist, und nicht die Realität in ideologischer Absicht verändern zu wollen. Jegliche Ideologie – wie z. B. der Kommunismus – tendiert dahin, die Realität im Sinne der Idee zu verändern und damit zwanghaft die Lebensbedingungen zu beschneiden – in der Regel eben mit dem intellektuell unredlichen Argument, die Freiheit des Menschen fördern zu wollen. Richtige verstanden ist der Liberalismus wohl geradezu das Gegenteil einer Ideologie. Dass der liberal Gesinnte stets fragt als Antworten zu geben, macht ihn so wenig populär. Der wegen lästiger und penetranter Fragen von den Mächtigen Athens zum Tode verurteilte Sokrates erweist, dass konsequente und standhafte Liberale hin und wieder ein nicht ungefährliches Leben führen.
Es sollte ein waches Gespür für Macht entwickelt werden, um jenseits politischer Parteien und in Unabhängigkeit von diesem, im Interesse übergeordneter Ziele eine Wächterfunktion zugemessen zu bekommen.
In einer pluralistischen Gesellschaft sind Verschiedenheit und Andersartigkeit Realität und ein hohes Gut, und dies ist Ausdruck freiheitlicher Struktur. Diese Vielfalt trägt naturgemäß auch die Gefahr von Konflikten in sich. Pluralismus ist ein typisches Merkmal einer liberalen Gesellschaftsverfassung, die nach tauglichen Wegen suchen sollte, anhand der leitenden Werte den Interessenausgleich zu organisieren. Das gelingt dann gut, wenn Meinungsverschiedenheiten und Konflikte mit tauglichen Strategien moderiert und auf befriedende Weise zu Ende geklärt werden, um somit nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten.
Dies klingt kompliziert, ist aber möglich, wenn konsequent und klar zuvor vereinbarte Spielregeln eingehalten werden. Diese Regeln müssen nicht neu erfunden werden, sie existieren bereits, ihnen müsste nur zugestimmt und diese verbindlich auch eingehalten werden.
Das, was ich hier nur skizzenhaft und als Auftaktangebot beschrieben habe, würde für das liberale Netzwerk zunächst einen internen Prozess der Festigung der Netzwerkstruktur bedeuten. Auf diesem Wege sind die Verbindungen zu aktivieren und diese in Bindungen zu verdichten. Das begonnene Gebilde dieses Netzes würde wohl sonst wieder in sich zusammenfallen – das wäre außerordentlich schade und ein großer Verlust! Die Stärke des Netzwerkes wird entscheidend von der Kommunikationsfähigkeit und –intensität der Netzwerker abhängen. Wenn es gelingen könnte, diese Kommunikation in Form eines Dialogs zu führen, wird das gemeinsame Denken und Arbeiten gleichermaßen wirksam wie befriedigend sein können.
Der Dialog ist eine uralte Form gemeinsamen Denkens und wird heute, ebenso wie die Netzwerkstruktur, von Zukunftsforschern und Organisationsentwicklern als eine besonders wirksame Methode angesehen, komplexe und vielfältige Entwicklung zu organisieren. Den Dialog zeichnen ca. 10 Merkmale aus, von denen ich beispielhaft einige nenne: Haltung eines Lernenden einnehmen (Sokrates: ich weiß, dass ich nichts weiß), radikaler Respekt, Zuhören, eine erkundende Haltung üben. (Zur Information ist eine Kurzübersicht beigefügt, in der die Merkmale des Dialogs aufgelistet und kurz erläutert sind.)
Der Dialog ist eine besonders menschenwürdige und wertschätzende Form einer gesinnungsgetragenen Kommunikation. Er ist wahrscheinlich eines der kraftvollsten Werkzeuge in der heutigen Zeit, liberalem Geist – und nicht nur diesem – zu wirksamer Klärung zu verhelfen und mit dieser gewonnenen Klarheit an die komplexen Themen unserer Zeit zu gehen.
So könnte Lust auf gemeinsames Denken entstehen und Freude über eine neue Orientierung der Lohn der Arbeit sein. Anfänge dazu konnten wir in diesem norddeutschen "Grüppchen" erleben, das mit Ernst und Humor ein Stück Freundschaft bereits gestiftet hat.
Liberal sein ist schön, macht aber viel Arbeit…
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