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Interview: Dr. Hergard Rohwedder über ihre Motive sich politische zu engagieren

Frau Rohwedder, warum sind Sie jetzt Politikerin ?
Interview mit Frau Dr. Hergard Rohwedder vom Liberalen Netzwerk mit der "Welt am Sonntag" vom 14.02.1999
1991 wurde ihr Ehemann von Terroristen ermordet, sie selbst schwer verletzt. Jahrelang zog sich Hergard Rohwedder aus der Öffentlichkeit zurück. Jetzt spricht sie erstmals darüber, warum sie sich wieder persönlich politisch engagiert.

Es war 23.31 Uhr am Ostermontag 1991. Detlev Karsten Rohwedder, Treuhand-Chef und neben Kanzler Kohl eine der wichtigsten Figuren des Wiedervereinigungsprozesses, stand in seinem hell erleuchteten Arbeitszimmer. Aus dem Garten gegenüber fiel ein Schuß. Rohwedder war sofort tot. Von den Terroristen der RAF , die sich zu dem feigen Mord bekannten, fehlt jede Spur - bis heute. Dr. Hergard Rohwedder, die Witwe des ermordeten Wirtschaftsmanagers, wurde bei dem Attentat selbst schwer verletzt, von einer Kugel getroffen. Zwei Jahre lebte sie nach dem Anschlag total zurückgezogen, kämpfte um ihre physische und psychische Genesung. In dieser Zeit hatten nur ihre beiden Kinder Cäcilie und Philipp sowie wenige Freunde Zugang zu ihr. Dann bezog sie eine neue Wohnung, kehrte in ihren Beruf als Richterin zurück, der Lebensmut kam wieder. Sie begann erneut am öffentlichen Leben teilzunehmen, ist inzwischen überall gern gesehener Gast und gibt auch selbst wieder Einladungen, bei denen sie versucht Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und Städten zusammenzubringen. Im Frühjahr 1997 gehörte sie zu den Mitbegründern des liberalen Netzwerks, einem der FDP nahestehenden, überregionalen Kreis politisch Gleichgesinnter. Jetzt spricht sie erstmals über dieses neue Feld ihrer politischen Arbeit.

Welt am Sonntag : Frau Dr. Rohwedder, ist die FDP noch zu retten ?

Hergard Rohwedder : Die FDP hat auch nach der sehr polarisierten Hessen-Wahl, bei der kein Raum für Differenzierung blieb, ihre Chance, das liberale Programm klar zu definieren und den Menschen nahezubringen. Gerade zur doppelten Staatsangehörigkeit bietet sie den offenbar einzig tragfähigen gesetzlichen Kompromiß an. Ihre Botschaft kommt zunehmend bei jüngeren Menschen an. 65 Prozent der 1000 neuen Mitglieder seit der Bundestagswahl sind unter 35.

Welt am Sonntag : Ist die FDP nicht für viele die Partei der sozialen Killer ?

Hergard Rohwedder : Wer nicht ständig von der Verteilung sozialer Wohltaten spricht, dem wird soziale Kälte vorgeworfen. Und dies, obwohl alle wissen, daß es nichts mehr zu verteilen gibt. Einmal ist in der Vergangenheit von allen Regierungen zuviel verteilt worden, die Sozialsysteme stehen vor dem Zusammenbruch; zum anderen ist der Bürger an der Grenze seiner Belastbarkeit angelangt und reagiert zunehmend mit Schwarz- und Schattenarbeit und Steuerflucht. Die Erkenntnis wächst, daß der Staat nur das verteilen kann, was er dem Bürger vorher weggesteuert hat. Eine Politik, die auf die Leistungsbereitschaft des einzelnen setzt und ihn ermutigt, seine Gaben und Kräfte in dem unvermeidlichen Wettbewerb in Wirtschaft und Gesellschaft zu entfalten, ist sicher schwierig und anspruchsvoll, hat aber nichts mit sozialer Kälte zu tun. Die FDP hat den globalen Wettbewerb nicht erfunden. Sie ist nur so ehrlich, das Kind beim Namen zu nennen.

Welt am Sonntag : Welche Rolle spielt hierbei das liberale Netzwerk ?

Hergard Rohwedder : Das liberale Netzwerk ist ein offenes Bürgerforum von Menschen, die liberale Gesinnung in Gesellschaft und Politik fördern und auf Fehlentwicklungen hinweisen wollen. Menschen, denen persönliche Freiheit und Eigenverantwortung wertvoller sind als eine umfassende staatliche Bevormundung.

Welt am Sonntag : Ist das Liberale Netzwerk nicht ein bloßer Prominentenclub ?

Hergard Rohwedder : Es geht nicht nur um bekannte Namen, sondern um Menschen, die - in der Demoskopie Meinungsführer genannt - eine feste politische Überzeugung haben, zu dieser in der Öffentlichkeit stehen und andere hierfür zu gewinnen versuchen. Multiplikatoren in diesem Sinne gibt es in allen Bevölkerungskreisen und Berufen. Hier ist zum Beispiel mein Heilpraktiker in Köln sehr erfolgreich.

Welt am Sonntag : Wie ist das Liberale Netzwerk entstanden ?

Hergard Rohwedder : Die Idee ist nach einer Mithilfe für den sehr erfolgreichen liberalen Freundeskreis in Baden-Württemberg im dortigen Landtagswahlkampf entstanden, zu der mich Dr. Margot Hausmann, die Ehefrau des damaligen Bundeswirtschaftsministers, aufgefordert hatte.
Es erschien mir sinnvoll, eine solche Initiative bundesweit aufzubauen. Der Gedanke traf sich mit dem eines Kreises, der in Frankfurt Ignatz Bubis im Wahlkampf unterstützt hatte.
Alexandra Oetker, die Frau des Chefs des Oetker-Konzerns, ebenso überzeugt liberal, und ich haben uns dann mit dieser Gruppe zusammengetan und im Frühjahr 1997 das Liberale Netzwerk aus der Taufe gehoben. Kurz darauf haben Gerd Schulte-Hillen von Gruner+Jahr sowie Hans-Ulrich Kuhlo vom TV-Sender ntv mit viel Engagement Mitverantwortung übernommen. Das Liberale Netzwerk ist schnelle gewachsen. Wir sind derzeit etwa 500 Mitglieder, und das Interesse ist nach der Bundestagswahl besonders groß.

Welt am Sonntag : Was tut das Liberale Netzwerk konkret ?

Hergard Rohwedder : Hier ist zunächst die Arbeit jedes einzelnen Mitglieds in seinem privaten und beruflichen Umfeld sowie Vereinen und Organisationen entscheidend. Dann veranstalten wir öffentliche Foren zu liberalen Themen. Ein Beispiel ist die von Alexandra Oetker in Bielefeld begründete sehr erfolgreiche Vortragsreihe, bei der unter anderen Jost Stollmann, Karl-Otto Pöhl und Professor Arnulf Baring aufgetreten sind. Klaus von Dohnanyi spricht demnächst. Das Interesse ist riesengroß. Außerdem bieten wir führenden FDP-Politikern Gelegenheit zu Auftritten und Diskussionen mit interessiertem Publikum.

Welt am Sonntag : Halten Sie Wolfgang Gerhardt, Guido Westerwelle und Rainer Brüderle für die richtigen Leute, um die FDP bei den weiteren, noch anstehenden Landtagswahlen in diesem Jahr über die Fünf-Prozent-Hürde zu bringen ?

Hergard Rohwedder : Durchaus. Gerade in der gegebenen Kombination sprechen die drei Politiker unterschiedliche Wählergruppen an. Wolfgang Gerhardt wirkt generell in seiner Ruhe und Sachlichkeit sehr überzeugend. Guido Westerwelle hat mit seiner pointierten Rhetorik große Erfolge bei jungen Leuten, und Rainer Brüderle widerspricht dem der FDP häufig angehefteten Etikett der Partei des kalten Kapitalismus. Er strahlt glaubwürdig Verständnis für Gewerbe und Handwerk aus - eben den für die FDP so wichtigen Mittelstand.

Welt am Sonntag : Wie ist Ihre Position gegenüber der FDP, sind die Mitglieder Ihres Kreises auch alle Mitglieder der FDP ?

Hergard Rohwedder : Etwa fünf bis zehn Prozent aus unserem Kreis sind FDP - Mitglieder. Ich gehöre nicht dazu. Die FDP ist im Augenblick die einzige Partei, die liberale Positionen im politischen Raum vertritt. Deshalb unterstützen wir sie, um ihr Gewicht in der parlamentarischen Arbeit zu stärken.

Welt am Sonntag : Weshalb engagieren Sie sich persönlich politisch ?

Hergard Rohwedder : Wir leben in einem Gemeinwesen, aus dem sich viel zu viele verabschiedet haben. Gemeinschaft kommt zu kurz. Ich verstehe Politik im ursprünglichen Sinne als Aktivität für das Gemeinwesen. Außerdem finde ich , daß man sich die Werte und Überzeugungen, die einem wichtig sind, einsetzen muß.
Organisationen wie die unsere sind als "grass root organisations" in den USA sehr populär. Im übrigen werden wir von anderen Parteien angesprochen, die gerne ähnliche Vereinigungen an ihrer Seite hätten. Jeder der bei uns mitmachen will, ist herzlich willkommen.

Welt am Sonntag : Welche liberale Anliegen liegen Ihnen besonders am Herzen ?

Hergard Rohwedder : Wenn die gerade begonnene Bildungsoffensive der FDP dazu führen würde, daß die jungen Leute nach kurzem, gestrafftem Studium nicht mehr zu sechzig Prozent eine Stelle im öffentlichen Dienst anstreben, sondern den Mut zu Eigenverantwortung, Selbständigkeit und Risiko finden, wäre für die Zukunft und den Standort Deutschland viel gewonnen.

Welt am Sonntag : Welche Interessen haben Sie außer Politik ?


Hergard Rohwedder : Wir waren immer eine Bücherfamilie. Lesen ist die mir angenehmste Beschäftigung. Ein besonderes Interessen- und Sammelgebiet ist Literatur zum Judentum. Deshalb interessieren mich auch alle Themen und Aktivitäten, die Israel und die deutsch-jüdische Verständigung betreffen. Weiter beschäftigt mich das deutsche Verhältnis zu den USA, ein für unser Land wichtiges Thema. Und schließlich macht mir Inneneinrichtung Spaß. Dafür sammle ich Anregungen auf meinem Reisen.

von Sabine Gräfin von Nayhauss

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