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Diskussionsforum

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Mittwoch 05. November 2003
"Wir wollen die Bürger aufrütteln" hatte Uta von Möller
bereits vor einigen Tagen in einem Interview mit der Neuen Westfälischen betont. Sie hat sich selbst beim Wort genommen und zusammen mit Eva Hartog zu einem Diskussionsforum über die Finanzierung des Gesundheitssystems eingeladen. Drei sachkundige Teilnehmer sowie weitere 35 Diskutanten kamen.
(Im Bild v.l.n.r. Uta von Möller, Dr. Volker Ahrens, Dr. Klaus Reinhard, Dr. Jochen Kramer, Eva Hartog)

Bereits in ihren Eingangsstatements machten die eingeladenen Spezialisten kein Hehl aus ihren unterschiedlichen Standpunkten. Dr. Volker Ahrens, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld warnte vor den Liberalisierungstendenzen in der aktuellen Diskussion, die in vielen Details unsoziale Züge trügen. Dr. Klaus Reinhardt, Vorstandsmitglied der Ärztekammer hingegen appellierte an ein hohes Maß Eigenverantwortung, welches jedem Bürger für seine eigene Gesundheit aufzuerlegen sei. Er verfocht zudem eine wesentliche Verstärkung der Anstrengungen für Präventiverziehung und –medizin. Für den Geschäftsführer der Städtischen Kliniken Bielefeld, Dr. Johannes Kramer, war es wichtig, zum Beginn der Diskussion mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. So sei die Qualität im deutschen Gesundheitswesen im internationalen Vergleich durchaus sehr hoch und von einer Kostenexplosion könne keine Rede sein. Vielmehr stehe einem im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt über die letzten 20 Jahre stabilen Gesundheitskostenblock eine Einnahmenerosion in bisher nicht gekanntem Ausmaß gegenüber. Diese sei verursacht durch die alleinige Abhängigkeit der Beiträge vom immer stärker schrumpfenden Gesamtlohneinkommen und den Möglichkeiten, sich dieses Systems zu entziehen.

Die anschließende sehr lebhafte Diskussion ließ schnell erkennen, dass auch an diesem Abend kein Patentrezept zur Rettung des deutschen Gesundheitswesens geboren werden würde. Jedoch sind Schwerpunkte deutlich geworden, die in der Gesellschaft zunehmend erkannt und akzeptiert zu sein scheinen: So müsse es wieder zu einem gesellschaftlichen Konsens über gesundheitsrelevante Verhaltensnormen kommen, welche bereits im frühen Erziehungsprozess vermittelt werden. Es müsse höhere Anreize für individuelle Gesundheitsvorsorge geben, das Beitragssystem sei von den Einkommen der Gesellschaft und damit von konjunkturellen Schwankungen zu entkoppeln. Außerdem müssten die verursachten Kosten transparent gemacht werden. - Eine Teilnehmerin verglich die gesetzliche Krankenversicherung mit einem Supermarkt, wo in den Regalen weder eine Preisauszeichnung stattfinde noch am Ausgang eine Kasse stehe. Etliche Teilnehmer forderten darüber hinaus eine radikale Abkehr von der in Teilbereichen gegebenen Überversorgung, welche die Selbstbedienungsmentalität eher noch fördere. Die gesetzliche Krankenversicherung solle sich vielmehr beschränken auf ein hohes Niveau medizinischer Grundversorgung. Spezifische und zum Teil freiwillig - z.B. durch Extremsport - verursachte Risiken müssten privat versichert werden. In Bezug auf die in der öffentlichen Diskussion stehenden Reformsysteme gab es darüber hinaus erfrischend innovative Vorschläge. So könne nach Ansicht eines Teilnehmers dem Problem mangelnden Nachwuchses an Beitragszahlern langfristig am ehesten dadurch begegnet werden, dass beim System der Kopfpauschalen diejenigen Beitragszahler mit Kindern durch erhebliche Nachlässe begünstigt werden, statt sie wie vorgesehen aufgrund der Familiengröße zu belasten.

Insgesamt wurde die übereinstimmende Auffassung der Teilnehmer deutlich, dass die Zeit der Reparaturen am deutschen Gesundheitswesen vorbei ist und ein radikaler Umbau erfolgen muss. Die Bereitschaft, dabei spürbare Einschnitte hinzunehmen und sich von lieb gewordenem zu trennen, ist offenbar in großem Maße vorhanden. Bedauerlich aber sei, so Uta von Möllerin ihrem Schlussplädoyer, dass die Patienten kaum in den Diskussionsprozess einbezogen seien und dies auch nicht einforderten. Einmal mehr drohe die Bevölkerung eine politische Entwicklung zu verschlafen, anstatt sie im Rahmen von Interessenverbänden aktiv zu beeinflussen und bewusst zu lenken.

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